In der Taverne; ein nicht ganz Ernstgemeinter Erlebnisbericht, der aber abseits der Touristenpfade durchaus zutreffend ist:
Efcharistó, ich platze
Man betritt eine griechische Taverne nie hungrig. Man betritt sie entschlossen. Denn spätestens nach fünf Minuten weiß man: Hier wird man nicht bedient, hier wird man adoptiert.
Der Wirt begrüßt einen, als käme man aus dem Krieg zurück. Man bekommt einen Tisch, der schief steht, was aber niemanden stört, weil ein zusammengefalteter Bierdeckel unter dem Bein alles regelt. Die Tischdecke aus Papier wird mit Klammern festgehalten, weil der Wind das sonst persönlich nimmt.
Dann kommt die Speisekarte. Sie hat zwölf Seiten und ein Foto von jedem Gericht, aufgenommen vermutlich 1997. Man will gerade in Ruhe wählen, da sagt der Kellner: „Nimm nicht das. Nimm das.“ Und man nimmt das. Man diskutiert nicht mit einem Mann, der schon seit dreißig Jahren weiß, was du willst.
Die Bestellung verläuft nach einem festen Muster: Man bestellt zwei Vorspeisen, der Kellner nickt, und es kommen sechs. „Kleine Sachen“, sagt er. Die kleinen Sachen sind ein Tzatziki, in dem man Knoblauch nicht schmeckt, sondern hört, ein Schafskäse in der Größe eines Ziegelsteins, Oliven mit Kernen (Vorsicht, Zahnarzt!) und ein Brotkorb, der ungefragt kommt und selbstverständlich auf die Rechnung geht. Man hat noch keinen Bissen genommen und ist schon satt vom Zuschauen.
Der Salat kommt ohne Dressing, dafür mit Öl und Essig in zwei Flaschen, die aussehen, als hätten sie schon Homer bedient. Man kippt großzügig drauf, denn das Öl ist so gut, dass man am liebsten den Wirt darin baden würde. Und wenn ein Kellner „Saganaki“ ruft und irgendwo eine Flamme aufschießt, drehen sich alle um, klatschen und rufen „Opa!“. Auch die, die gar nichts bestellt haben.
Die Hauptgerichte kommen, wie sie wollen. Entweder alle gleichzeitig, sodass der Tisch zusammenbricht, oder eines nach dem anderen, sodass der Erste schon fertig ist, wenn der Letzte anfängt. Man hat das Zeitgefühl längst abgegeben. In Griechenland ist ein Abendessen keine Mahlzeit, es ist eine Lebensphase.
Dann der Höhepunkt: Man hat nichts mehr bestellt, aber es kommt trotzdem etwas. Ein Teller Wassermelone, ein Joghurt mit Honig, ein Gläschen Ouzo oder Tsipouro „aufs Haus“. Man sagt: „Nein, danke, wirklich nicht, ich kann nicht mehr.“ Der Wirt hört das, lächelt und stellt es trotzdem hin. Ablehnen ist im Menü nicht vorgesehen.
Irgendwann unter dem Tisch: eine Katze. Sie schaut einen an mit dem Blick eines Menschen, der weiß, dass noch Bifteki übrig ist. Man gibt nach. Alle geben nach. Die Katzen dort sind die eigentlichen Besitzer.
Die Rechnung wird nicht gebracht, sie wird irgendwann erwogen. Man muss danach fragen, mehrfach, mit wachsender Verzweiflung. Sie kommt handgeschrieben auf einem Zettel, die Summe ist erstaunlich niedrig, und man fragt sich, ob man sich verhört hat. Hat man nicht. Man zahlt, gibt zu viel Trinkgeld aus schlechtem Gewissen, und der Wirt umarmt einen, als hätte man ihm gerade die Taverne vererbt.
Auf dem Heimweg rollt man mehr, als man geht. Man schwört sich, morgen nur Salat zu essen. Doch bereits am nächsten Abend steht man wieder vor der Tür, mit knurrendem Magen und der festen Absicht, diesmal vernünftig zu bestellen.
Der Kellner sieht einen kommen. Er grinst. „Kalispéra, mein Freund. Nimm nicht das. Nimm das.“